Kinder ernst nehmen und freundlicher mit sich selbst sein. Mit diesen beiden Gedanken endete ein spannender und interessanter Abend: Die erste Veranstaltung von „Das Gespräch“ stand unter dem Titel „Plötzlich war alles ganz anders“. Zu Gast war die Hirschauer Musikpädagogin, Sängerin, Mutter von zwei Kindern und pflegende Angehörige Saskia Krügelstein. Die Gäste erlebten einen bewegenden Abend über Mut, Offenheit und die Kraft einer Familie, deren Leben sich von einem Tag auf den anderen veränderte.
Bis zum Jahr 2022 führte Saskia ein Leben, das viele Menschen als selbstverständlich bezeichnen würden. Familie, Beruf und Alltag verliefen in geordneten Bahnen – bis ihr damals zehnjähriger Sohn einen Schlaganfall erlitt. Saskia schilderte nicht nur die medizinischen Folgen dieses Schicksalsschlags, sondern erzählte offen von der Angst und der Unsicherheit jener Zeit und von einem langen Weg zurück in eine neue Normalität. Sie berichtete von Krankenhausaufenthalten, Therapien und Rehabilitationsmaßnahmen, vom mühsamen erneuten Erlernen alltäglicher Fähigkeiten wie Gehen und Schreiben und von einem Kind, das bis heute mit bemerkenswerter Stärke den eigenen Weg geht.
Auch über die Herausforderungen, die außerhalb der Kliniken auf Familien in ihrer Situation warten, wurden thematisiert: über Behörden und Begutachtungen, über fehlendes Verständnis im Alltag und über Menschen aus dem eigenen Umfeld, die sich plötzlich zurückzogen. Wie Saskia es selbst formulierte: „Mein Umfeld hat gezeigt, wer bleibt und wer geht.“
Besonders eindrücklich waren ihre Schilderungen über die Rolle als pflegende Angehörige und die oft mühsamen Wege durch bürokratische Verfahren. Mit einem Schmunzeln erzählte sie von einer Begutachtung, bei der die Mobilität ihres Sohnes ausgerechnet auf einem völlig ebenen Weg beurteilt wurde: „Mein Kind musste zehn Meter gehen. Es war keine Stufe vor ihm, kein Stein, keine Pfütze, einfach nichts.“ Was zunächst wie eine kleine Anekdote wirkte, machte für viele Gäste deutlich, wie weit gelebte Alltagserfahrungen von betroffenen Familien und bürokratische Entscheidungen manchmal auseinanderliegen können. Trotz aller Herausforderungen, zeigte Saskia eine klare Haltung im Umgang mit ihrer Familiensituation: Kein Rückzug, keine Scham, kein Verstecken, sondern Offenheit.
„Wir gehen jetzt einmal mit dem Rollstuhl durch Hirschau“ dieser Satz spiegelte deutlich den Umgang der Familie mit ihrer Situation. Sich zeigen. Im Leben bleiben. Teil der Gemeinschaft bleiben. Mit dieser Offenheit stellte sich die Familie den Blicken, Fragen und manchmal auch den Gerüchten ihres Umfeldes. Diese Haltung sei ihr, wie Saskia erzählte, nicht zuletzt durch ihre afroamerikanischen Familienwurzeln mitgegeben worden. Dort werde offen über Herausforderungen gesprochen, anstatt sie zu verstecken.
Neben ihrer persönlichen Geschichte nutzte sie den Abend auch, um über den kindlichen Schlaganfall aufzuklären. Obwohl Schlaganfälle häufig mit älteren Menschen in Verbindung gebracht werden, können auch Kinder betroffen sein. Ein Anliegen, das ihr bis heute besonders wichtig ist.
Am Ende des Abends gab sie den Gästen zwei Gedanken mit auf den Weg: Kinder ernst zu nehmen, wenn sie sagen, dass es ihnen nicht gut geht, denn wir sind nicht in ihrem Körper. Und freundlicher mit sich selbst zu sein.
Die erste Veranstaltung von „Das Gespräch“ zeigte eindrucksvoll, wie wichtig Räume für persönliche Geschichten sind. Lebensgeschichten, die berühren, informieren und Mut machen können. Viele Gäste blieben auch nach dem offiziellen Ende noch im Café, kamen miteinander ins Gespräch und tauschten Erfahrungen aus.
Die Spendeneinnahmen des Abends gehen an die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) der Johanniter in Schwarzenfeld. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer begleiten Menschen nach belastenden Ereignissen, Todesfällen, Unfällen oder anderen Wendepunkten des Lebens und leisten erste psychische Unterstützung in akuten Ausnahmesituationen.
Was mir persönlich von diesem Abend geblieben ist: Man kann nicht verhindern, dass das Leben plötzlich ganz anders wird. Aber man kann entscheiden, wie man diesem Leben begegnet.